Online – Artikel


Hier finden Sie lesenswerte Artikel und Berichte, die wir aus Platzgründen leider nicht in der gedruckten Ausgabe veröffentlichen konnten

Viel Freude beim Lesen!

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Juni 2016 von Sina und Katja

Saunstorfer Kinder

Marusia (9), Nils (8) und Sadhu (8) leben seit 2010 mit uns hier in Saunstorf. Saunstorf in ein kleines Dorf in Mecklenburg Vorpommern, mit einem alten Gutshaus, welches seit 2010 als modernes Kloster unter der Leitung des spirituellen Meisters, OM C. Parkin, wieder belebt wurde.  Die Kinder leben hier in einer Gemeinschaft, mit Menschen, die einerseits diesen Ort betreiben und noch wichtiger, alle ein großes Interesse an dem inneren Weg haben und sich dem auf unterschiedliche Art & Weise widmen.

Unsere Kinder gehen in die Grundschule im nächsten Dorf in Bobitz und haben dort viele Freunde gefunden. Sie finden das Leben auf dem Land toll. Die drei kennen sich seit Geburt an und haben seit dem Zusammenleben in Saunstorf einen viel engeren Kontakt miteinander und mit der Gemeinschaft. So hat sich eine ganz natürliche Öffnung aus ihrer Beziehung zur Kleinfamilie in die große Familie der Menschen, die hier miteinander leben, ergeben. Seit kurzem werden die Kinder ganz konkret in das Leben hier mit einbezogen. Das hat begonnen mit einem kleinen Ritual, in dem OM und die Sangha (Gemeinschaft) ihnen ein Willkommensgeschenk überreicht haben. Dieses Ritual diente auch dazu, den Kinder auf ganz einfache Weise das Wesen dieses Ortes zu vermitteln. Eben, das an diesen Ort Menschen kommen, die dem Ruf ihres Herzens folgen und in Innerer Arbeit ihren Geist erforschen.

Für uns als Eltern ist es wichtig, dass sie neben der Schule, dem Hort, ihrer Freunde und ihren Hobbies auch Zeit hier auf Gut Saunstorf verbringen. Eines Tages ist uns nämlich erschreckend klar geworden, wieviel Zeit die Kinder im Alltag von Schule und Hort, früher Kindergarten, unter dem Einfluss „fremder“ Personen und auch gesellschaftlichen Erziehungssystemen verbringen. Einfach, wieviel Zeit die Kinder weg sind und nicht unserer Obhut unterliegen. Wir sind nicht gegen das System, aber nachdem wir den Film „Analphabet“ schauten, haben wir uns doch gefragt, was wollen wir für die Kleinen? Wie können wir sie in Ihrem Wesen und Ihrer eigenen Entwicklung unterstützen- frei lassen?

Dazu kam uns dann die Idee der Projekttage auf Gut Saunstorf. Sie können von der Vielfalt und Kreativität der unterschiedlichen Menschen, die hier leben und arbeiten lernen und haben zudem auch Zeit, ihren eigenen Interessen zu folgen. Außerdem bekommen sie auch einen Einblick in die täglichen Arbeiten, welche für den Betrieb des Hauses anstehen und übernehmen selber schon kleine Aufgaben in der Gemeinschaft. Damit übernehmen sie auch eine kleine Verantwortung, was ihre „Stellung“ als heranwachsende Mitglieder einer Gemeinschaft stärkt. Sie sind jetzt nicht mehr nur die Kleinen, sondern ihnen begegnet Respekt und Wertschätzung, allein dafür, dass sie da sind. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Sie lernen auch die Menschen und ihre Fähigkeiten wertzuschätzen. Und die Menschen, die mit den Kindern sind, schätzen das Zusammensein mit ihnen.

Das sieht dann so aus, dass an einem Nachmittag in der Woche die Kinder nicht in den Hort gehen, wie sonst, sondern kleine Projekte mit verschieden Menschen aus der Sangha verfolgen. In unserem Klostergarten entsteht gerade ein kleiner Kindergarten, in welchem sie selber Beete anlegen und die Pflanzen dafür aufziehen, sie backen Brot und machen leckeren Aufstrich mit unserer Köchin, lernen Yoga von unserer Yogalehrerin oder fällen mit dem Hausmeister einen Baum im Park.

Der Nachmittag endet mit einem stillen Sitzen, welches im Moment die Höchstmarke von 5 Minuten erreicht. Immerhin. Mit der Zeit wird das auch länger werden. Meditation will geübt sein- nicht nur von den Kleinen.

Erste O- Töne der Kinder: Spülen macht ja Spaß! -Das sind meine neuen Gartenhandschuhe von Norbert! – Was gibt es heute zu essen? – Der Ausflug ans Meer war toll! – Mit wem sind wir heute? – Machst du auch mal ein Projekt mit uns?

Es ist schön zu sehen, dass diese Nachmittage sowohl den Kindern, als auch den „Projektleitern“ gut tun und sie erfüllt nach Hause kommen. Es ist einfach ein beiderseitiges Lernen und Näherkommen für die Kinder als auch für die Erwachsenen.

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Juni 2016 von Birgitt Stoffregen

Ein Metterling, ein Metterling!

Mit welcher Begeisterung hüpft meine 2jährige Enkeltochter dem kleinen Zitronenfalter hinterher!!!

Ich bin sehr froh, eine Enkeltochter zu haben. Wenn sie mich besucht, erlebe ich immer wieder Augenblicke voller Lebensfreude, voller Überraschungen, voller Lebendigkeit mit ihr. Inzwischen ist sie 8 Jahre alt und jeder Lebensabschnitt ihres jungen Lebens hat mich reicher, jünger und glücklicher gemacht!

Wir Erwachsenen haben uns Normen, Regeln und Verhaltensmuster geschaffen, die uns gut funktionieren lassen, so dass unser Leben scheinbar sicher ablaufen kann. Sie bringen unsere Lebendigkeit zum Erstarren!

Die meisten Kinder dagegen stecken voller Spontanität, Kreativität, Flexibilität, voller Neugier – eben voller Lebendigkeit und sind offen für die kleinen und großen Dinge, die ihnen täglich begegnen.

Meine Enkeltochter (damals ca. 4 Jahre alt) findet ein abgebrochenes Kinderwagenrad, stundenlang freut sie sich über ihr neues Spielzeug und experimentiert damit herum. Auch mit einem langen Wollfaden, den sie vom Bürgersteig aufsammelt, kann sie sich lange beschäftigen. Und selbst mit einem alten Kaugummi, den sie vom Straßenpflaster kratzt, lass ich sie spielen. Ich beobachte sie dabei und lerne von ihr – bis sie ihn in den Mund stecken will: „Anna Sophia, komm wir gehen weiter. Wirf den Kaugummi jetzt mal weg.“

Morgens lockt sie mich auf die Wiese und hüpft von Maulwurfshaufen zu Maulwurfshaufen. „Komm, Oma! Folge mir!“ Nun hüpfe auch ich von Maulwurfshaufen zu Maulwurfshaufen. Als die Wiese in Winterstarre gefallen war, gab es genügend Schneewehen und-haufen zum Hineinspringen. „Oma, komm!“. Sie ließ keine Schneewehe aus, ich auch nicht. Ein anderes Mal frühstücken wir unter einer Birke, die in der Nähe unserer Wohnung wächst, rudern über den See, klettern im Fliederbusch herum…..

Sie bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich sonst nicht machen würde. Ich lasse mich darauf ein und sehe, wie gut es mir tut, wieviel abwechslungsreicher und interessanter mein Leben dadurch wird!

Auch beruflich bereichern Kinder mein Leben! Ich unterrichte rund 70 Kinder – „meine“ Aikido-Kinder, die von mir diese japanische Kampfkunst lernen. Oft kommen sie müde, gestresst oder aber überdreht nach der Schule zu mir – und  ich sehe, wie sie langsam angepasst und in unsere Erwachsenenmuster gepresst werden …. und dabei ihre Lebendigkeit verlieren. Mein rebellischer Geist kann sie gut verstehen und will ihnen helfen – oft stoße ich dabei an Grenzen: „Frau Stoffregen, so geht das nicht.“ Ach, hatte ich doch ganz vergessen, dass es diese Vorschrift gibt und jenes Gesetz, und dass das nicht erlaubt ist.

Gesetze und Vorschriften sind wichtig, regeln sie doch unser Zusammenleben. Zu viele Vorschriften unterbinden Entscheidungsfindung, Eigenverantwortung, selbständiges Denken und Handeln.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit weniger Vorschriften, eine Gesellschaft, in der die Erwachsenen den Kindern Vertrauen vermitteln – mit weitgesteckten, altersgerechten Grenzen, die ihnen eine große Bandbreite schöpferischer Entwicklungsmöglichkeiten offen lassen, so dass sie sich frei entsprechend ihres Potentials entfalten können.

…und eine Gesellschaft, in der die Kinder den Erwachsenen zeigen können, wieviel Gewinn in einem Leben voller Neugier, Abwechslung und Wachheit, voller Kreativität, Spontanität und Flexibilität liegt.

Aus meiner langjährigen Beschäftigung mit Kindern und den daraus erwachsenen Erfahrungen habe ich zwei Poster gestaltet, die ich Ihnen gern als Anregung zur Verfügung stelle

 Birgit Stoffregen