Persönlichkeit


Ein Gespräch mit Jürgen Lehmann und Heiko Kroy

von Henning Holst

Immer wieder hören wir: Das Leben ist schnell geworden und die Anforderungen an die Menschen im Informationszeitalter verändern sich ebenso rasch. Egal welches Berufsfeld man sich anschaut, die Anforderungen sind in den letzten Jahren fast überall stark gestiegen. Gleichzeitig sollen wir bessere Frauen, Mütter, Männer und Väter werden. Wir sollen kommunikativ, nachdenklich und einfühlsam sein und gleichzeitig engagiert und leistungsbereit. Die bewusste Arbeit an der eigenen Persönlichkeit hilft dabei die eigenen Grenzen zu weiten und sich dabei mehr auf die eigenen Stärken und Chancen zu Stützen. Für diese Ausgabe hatte ich die Gelegenheit mit zwei sehr erfahrenen Trainern zu sprechen.

Unsere Terminkalender und die großen Entfernungen haben ein persönliches und ein telefonisches Treffen zu dritt verhindert. Daher habe ich mit Jürgen Lehmann und Heiko Kroy getrennt telefoniert. Die Aussagen beziehen sich daher nicht aufeinander – sie stehen vielmehr nebeneinander werfen jeweils ein anderes Licht auf eine Frage oder ein Thema.

Seit zehn Jahren beschäftige unterstütze ich berufliche Menschen dabei ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Im Vergleich meinen Gesprächspartnern bin ich also noch recht jung im in diesem Bereich. Daher interessierten mich die Antworten dieser beiden „alten Hasen“ auf grundlegende Fragen. In den Antworten spiegeln sich die Ansätze der beiden Trainer wieder. Für mich waren es spannende Gespräche, an deren Ende, wie das bei guten Diskursen so ist, viele Antworten standen und fast noch mehr Fragen.

HH: Was ist aus Deiner individuellen Sicht Persönlichkeitsentwicklung?

JL: Die Stärkung der eigenen Talente und Stärken. Ja, so würde ich das beschreiben. Für mich ist es die Entwicklung von etwas, was schon da ist. Und hier gehören für mich auf der Seite der Klienten Entwicklungsspielräume und ein Entwicklungswollen dazu. Für mich ist gerade der Wille bzw. die Möglichkeit das Eigene zu vervollkommnen eine Bedingung.

HK: Potentiale freilegen ist für mich eher Persönlichkeitsentfaltung. Eine persönliche Entwicklung machen Menschen für mich auch immer dann, wenn sie Fertigkeiten trainieren. Es geht hier für mich nicht zwingend um Talent oder vorhandene Fähigkeiten. Auch ein Musikinstrument kann jeder lernen – egal wieviel Talent er hat. Wenn jemand z.B. gerne Cello spielen möchte, obwohl er kaum Talent hat, dann kann er trotzdem Riesenfreude daran entwickeln für sich ganz allein Cello zu spielen. Es gibt bei jedem Menschen Dinge, die schon da sind (z.B. Talente oder Fähigkeiten), die kann ich weiterentwickeln und es gibt Dinge, die ich neu lernen muss.

HH: „Persönlichkeit“ begreift jeden Menschen als Individuum, das sich durch seine Herkunft (z.B. genetische Anlagen und Erziehung) und durch seinen Hintergrund (z.B. Kultur und gesellschaftliches System) beschreiben lässt. Wie siehst Du diesen Begriff?

HK: Landläufig verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff Persönlichkeit die Einheit von Körper, Geist und Seele. Für die heutige Zeit muss das Thema Beziehungen ergänzt werden, denn die Qualität unserer Beziehungsfähigkeit und unsere gesammelten Beziehungserfahrungen entscheiden maßgeblich über das Wohl von Körper, Geist und Seele.

JL: Im beruflichen Kontext geht es darum, die eigene Persönlichkeit für neue berufliche Herausforderungen weiter zu entwickeln.

HH: Viele Menschen stehen großen beruflichen und privaten Herausforderungen gegenüber, für die sie keine Vorbilder haben – also nicht aus den Erfahrungen vorheriger Generationen lernen können. Wann ist eine bewusste Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sinnvoll?

JL: Immer! So ist das auch für mich ganz persönlich, denn ich ergreife neue berufliche Herausforderungen auch, um mich als Mensch weiter zu entwickeln. Und so erlebe ich das auch bei meinen Klienten. Ich habe den Eindruck, dass es Menschen gibt, die jede Gelegenheit ergreifen, ihre eigene Persönlichkeit gezielt weiter zu entwickeln.

HK: Ich glaube, der Mensch in der modernen westlichen Welt, fühlt sich heute fast gezwungen sich ständig weiter zu entwickeln, weil der Druck von außen oder die innerlich erlebte Not zu groß werden. Nur wenige wollen sich aktiv, aus sich selbst heraus verändern. Für mich persönlich war immer Gandhis Leitsatz wichtig: „Sei selbst die Veränderung die Du Dir in der Welt wünschst.“ Die Arbeit an meiner Persönlichkeit sehe ich sogar als einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft.

HH: Was kennzeichnet Menschen, die sich bewusst und aktiv ihrer eigenen Entwicklung widmen? Was ist Ihr Antrieb?

JL: Eine bewusste Persönlichkeitsentwicklung erfordert aus meiner Sicht, dass ein Mensch eine vor ihm liegende Herausforderung aus einem inneren Antrieb heraus ergreift. Ja, das ist aus meiner Sicht sehr wichtig: Menschen müssen die Chancen für die eigene Persönlichkeit erkennen, die in einer Herausforderung liegt.

HK: Es ist die unbändige Lust und Freude daran mich kennen zu lernen und danach mein volles Potenzial zu entfalten. Ich glaube das ist ein natürlicher Drang jedes Menschen – er will sich entfalten. Aber bei den meisten Menschen wird dieser Drang in der Kindheit fast vollkommen zerstört oder besser ´verstört´. Angst vor Fehlern und Strafe, Druck sich anzupassen und Normen zu erfüllen, Demütigung und Bloßstellung in jungen Jahren nehmen den Mut sich auszuprobieren und zu entfalten.

HH: Jürgen Lehmann ist seit 1972 beruflich im Bereich Persönlichkeitsentwicklung unterwegs. Welche Wandlung bzw. Veränderungen kannst Du in der Rückschau auf 43 Jahre Berufserfahrung erkennen?

JL: Das Leben ist individueller geworden. Nach meinem Eindruck war es früher eine breitere, kollektive Bewegung, die viele Menschen gleichermaßen ergriffen hat. Es gab so etwas wie einen politischen Zeitgeist. Heute ist jeder auf sich bezogen. Das Interesse am Anderen und an seiner Entwicklung ist geringer geworden. Und mir scheint, die Geduld hat abgenommen, die Welt ist vielschichtiger und schnelllebiger geworden. Ich erlebe die Leute häufig als gehetzt und getrieben, mit einem geringeren Interesse ihre Erfahrungen zu teilen. Früher gab es einen gemeinsamen Wunsch nach und einen Weg für Veränderungen, als gesellschaftliche und politische Strömung. Heute hat sich das auf die persönliche, individuelle Ebene verlagert. Heute scheint es mir, fühlen sich viele Menschen von Ihren Jobs so stark gefordert, dass sie sich kaum noch Gedanken über grundsätzliche und gemeinsame Entwicklungs- und Veränderungsprozesse machen.

HH: Menschen kommen mit einer bestimmten genetischen also körperlich/geistigen Grundausstattung zur Welt. Danach werden sie durch die Eindrücke, die Art der Erziehung und ihre persönlich erlebten Schicksalsschläge geprägt. Es entstehen tiefgreifende Verhaltensmuster und Gewohnheiten. Wie wichtig sind gerade die Lebensabschnitte Kindheit und Jugend?

JL: Die Kindheit spielt für die Gewohnheiten bzw. Muster, die jeder sich angeeignet hat, eine Rolle, ist aber nicht alleine entscheidend und sollte nicht so oft als Entschuldigung herhalten. Ein Mensch hat erfolgreiche Muster, mit denen er für seine Bedürfnisse sorgt. Diese erfolgreichen Muster bilden sich oft erst im Erwachsenenalter heraus.

HH: Aber was sagst Du Menschen, die immer wieder an bestimmten Punkten scheitern mit Ihren „Erfolgsmustern“.

JL: Muster haben sich einmal als erfolgreiche Überlebensstrategien entwickelt. Ich sage den Menschen dann: „Du scheiterst, weil das Dein Muster ist. Früher hat es Dir gedient aber jetzt hindert es Dich. Also lerne neue Muster für Deinen Erfolg.“

HK: Jeder Mensch hat vor allem im Laufe der eigenen Kindheit und Jugend ein Repertoire gelernt, das aus unterschiedlichen Verhaltensweisen und Reaktionen besteht. Viele Menschen merken diese Prägungen und sind mit ihren Mustern nicht glücklich. Sie fragen sich: Ist das jetzt wirklich meins? Ist das meine ganz persönliche Antwort? Und Sätze „Du bist wie Dein Vater! Oder, genau wie Deine Mutter“ lösen in den meisten Menschen starke Emotionen aus.

Mich macht das häufig erstmal wütend, denn ich will ja gerade anders sein als mein Vater und lehne seine Verhaltensweisen in bestimmten Punkten ab. Später frage ich mich dann warum ich so reagiere welches Muster sich da durchsetzt.

HH: Die bewusste Entwicklung der eigenen Persönlichkeit auf allen Ebene (Körper, Geist, Seele, Beziehung) ist so vielschichtig, dass man sich darin leicht mal verirren kann. Und jeder Coach, Trainer oder Therapeut hat seinen ganz eigenen Blick darauf. Was ist für Dich das wichtigste Thema?

JL: Für mich ist das die Kommunikation und die Frage was kann ich als Mensch an meiner Kommunikation verbessern. Aus meiner Sicht ist unsere Kommunikation in vielen Fällen nicht reif, nicht überlegt und nicht variantenreich genug. Dadurch sind viele Menschen in ihrer Kommunikation beschränkt, wenig erfolgreich, manchmal nicht handlungsfähig. Die Probleme sind heutzutage sehr komplex. Menschen finden sich häufig in den eigenen komplexen Problemen nicht zurecht. Sie können nicht erkennen, wie die Dinge zusammenhängen. Es scheint mir so, als fehle dem Bild, das viele Menschen von der Welt haben, die Tiefenschärfe.

HK: Für mich geht es um den authentischen Ausdruck meiner Selbst oder meines Selbst. Mein persönlicher Ausdruck ist wie der Fingerabdruck den ich in der Welt hinterlasse indem ich meine Berufung lebe und lerne zu Lieben. Ich will alle Anteile von mir kennen – auch jene, die ich tief vergraben habe in mir und die ich schon gar nicht mehr kenne. Denn Ganz-werden heißt für mich Heil-werden, damit ich in Liebe auf mich und die Welt blicken kann und meine Bestimmung erkennen kann – den Grund meines Daseins. Im Zentrum steht für mich, dass wir unser Potential erschließen, um für die Welt ein Geschenk zu sein und schöpferisch die Welt zu bereichern.

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